Natur erleben

Moor-Momente

„Mag mer fehle was mer will…

…i trink halt mei Durmedill“. Mit diesem süddeutschen Spruch werden die vielfältigen medizinischen Anwendungen der Blutwurz gewürdigt. Die Pflanze, die auch Aufrechtes Fingerkraut, Rotwurz oder Tormentill genannt wird, trug früher den wissenschaftlichen Namen Tormentilla erecta, Dies leitete sich ab vom lateinischen Wort „tormenta“ für Bauchschmerzen und macht den Einsatz der Pflanze als Magenmittel und bei Durchfallerkrankungen deutlich. 

Die Blutwurz ist mit Höhen von meist 10 bis 30 cm eine eher kleine und unscheinbare Pflanze mit aufrechter oder niederliegender Wuchsform. Doch ihre sattgelben Blüten leuchten mitunter hell aus der umgebenden Vegetation hervor. Sie besitzen nur vier Blütenkronblätter, eine Seltenheit innerhalb der Familie der Rosengewächse, der die Pflanze angehört. Die dunkelgrünen, an den Rändern gesägten Blätter sind fingerförmig geteilt und zeigen die Zugehörigkeit zu den Fingerkräutern, Potentilla, an. Daher wurde die Blutwurz nachträglich in diese Gattung überführt und heißt heute Potentilla erecta, Aufrechtes Fingerkraut. Potentilla leitet sich vom lateinischen Wort „potentia“ für Kraft ab und bezieht sich auf die Heilwirkung der Pflanzen in dieser Gattung. Der Name Blutwurz leitet sich von der Tatsache ab, dass sich der unterirdische Wurzelstock bei Anschnitt rot färbt. Gemäß der Signaturenlehre wurde die Pflanze daher früher als blutstillendes Mittel eingesetzt, wobei diese Wirkung medizinisch bisher nicht nachgewiesen ist. Die Anwendung bei Magenleiden liegt in dem hohem Gerbstoffgehalt der Pflanze begründet. Da sie stark zusammenziehend, austrocknend und entzündungshemmend wirkt, wird sie zudem bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum, bei Hämorrhoidenleiden sowie bei schlecht heilenden Wunden eingesetzt. Die Anwendung erfolgt als Tinktur oder Tee, hergestellt aus den getrockneten Wurzelstöcken. Zur Herstellung des als Magenbitter beliebten Blutwurzschnapses wird ein alkoholischer Auszug aus den getrockneten Wurzelstöcken angesetzt. Früher wurde die Pflanze auch zum Färben verwendet, wobei sich je nach Lösungsmittel entweder gelbbraune oder rotbraune Farbtöne erzielen ließen. 

Die Blutwurz wächst bevorzugt auf mageren, mäßig sauren Böden. Im Wurzacher Ried ist sie in den Nieder- und Übergangsmooren verbreitet und kann zur Blütezeit von Mai bis Oktober von den Wegen aus vielerorts gefunden werden. Ausgraben darf man die Wurzelstöcke im Naturschutzgebiet natürlich nicht, aber vielleicht haben Sie ja mal eine andere Möglichkeit, ein Gläschen Tormentill zu probieren. Wohl bekomms!
 

 

 

BlindschleicheQuelle: NAZ

Blendend, nicht blind

Wenn eine Blindschleiche mit ihrem langgestreckten, beinlosen Körper träge die Wege im Ried kreuzt, hält man sie häufig für eine Schlange. Doch der erste Eindruck täuscht. Denn sie ist nicht einmal näher mit den Schlangen verwandt, sondern eine Echsenart aus der Familie der Schleichen. Sozusagen eine Echse ohne Beine.

Wer der Blindschleiche tief in die Augen schaut, kann hierbei gleich eines der Unterscheidungsmerkmale zu den Schlangen erkennen: die beweglichen, verschließbaren Augenlider, die für alle Schleichen typisch sind. Zum Züngeln müssen Blindschleichen das Maul leicht öffnen, denn anders als Schlangen besitzen sie in der Oberlippe keine Lücke. Ein weiterer Unterschied wird bisweilen erkennbar, wenn eine Blindschleiche von einem Fressfeind attackiert wird: Ähnlich wie bei Eidechsen kann der Schwanz beim Ergreifen an mehreren Solbruchstellen abbrechen und lässt die Blindschleiche dem Angreifer, der von dem heftig zappelnden Ende abgelenkt wird, häufig entkommen. Als kleiner Stumpf wächst der Schwanz wieder nach. Da sich unter dem Schuppenkleid des Körpers kleine, starre Knochenplättchen befinden, bewegen sich Blindschleichen auch viel steifer fort als Schlangen. Hartwurm wurden sie daher früher auch genannt. Anders als der heutige Name vermuten lässt, sind Blindschleichen keineswegs blind. Vielmehr leitet sich der Name vermutlich von dem althochdeutschen Wort „plint“ für blendend ab und bezieht sich auf den bleiernen Glanz des Körpers. Die Tiere erreichen meist eine Körperlänge von 15 bis 25 cm, selten auch über 40 cm.
Nach der Winterstarre in frostsicheren Erdlöchern, wo auch Gruppen von bis zu 30 Tieren auf den Frühling warten, erfolgt im April oder Mai die Paarung. In ritualisierten Kämpfen ringen die Männchen um die Weibchen, versuchen den Gegner zu Boden zu drücken und ihn fest zu umschlingen. Hat das Männchen ein Weibchen erobert, verbeißt es sich in dessen Nacken und paart sich mit ihm. Nach einer Tragzeit von 14 Wochen bringt das Weibchen etwa zehn vollständig entwickelte Jungtiere in einer transparenten Membran zur Welt, die sogleich nach der Geburt durchstoßen wird. Die Blindschleiche ist daher anders als die meisten Reptilienarten lebendgebärend. Als Lebensraum bevorzugt die Art Gebiete mit erhöhter Bodenfeuchtigkeit und einem vielfältigen Mosaik an Sonnen- und Versteckplätzen, wie sie in Moor- oder Heidelandschaften zu finden sind. Auch Gärten und Parks werden bewohnt. Die Tiere sind überwiegend in der Dämmerung und bei feuchtem Wetter aktiv. Dabei halten sie sich gerne auf warmen Flächen auf, um ihren Körper auf Betriebstemperatur zu bringen. Denn wie alle wechselwarmen Tiere kann auch die Blindschleiche ihre Körpertemperatur nicht aktiv regulieren. Das Nahrungsspektrum besteht aus Regenwürmern, Insekten, Asseln, Spinnen und Nacktschnecken, so dass Blindschleichen durchaus nützliche Gartenhelfer sind. 
Fürchten muss man sich übrigens nicht, denn die Blindschleiche ist nicht giftig und beißt auch nicht richtig zu. Vielmehr setzt sie auf Tarnung und ein Leben im Verborgenen. Bei einem Riedspaziergang in der Abenddämmerung und in den frühen Morgenstunden bestehen die besten Chancen, einen Blick auf das glänzende „Kupferschlängli“ zu erhaschen, wie die Blindschleiche im Schweizer Volksmund genannt wird. 
 

 

SonnentauQuelle: NAZ

Verführerischer Schnittchenfänger

Hochmoore sind nass, nährsalzarm und sauer. Um unter solchen Bedingungen leben zu können, benötigen Tiere und Pflanzen spezielle Anpassungen und so manchen Trick. Etwas besonders Raffiniertes hat sich dabei der Sonnentau ausgedacht.

In den Moorgebieten Oberschwabens findet man drei Sonnentau-Arten aus der Gattung Drosera: Rundblättrigen Sonnentau, Langblättrigen Sonnentau und Mittleren Sonnentau. Ihre Besonderheit macht sich dabei schon im deutschen und wissenschaftlichen Namen bemerkbar (griechisch drosos = Tau). Die Blätter wachsen aus einer Blattrosette am Boden und sind mit zahlreichen Drüsenfortsätzen besetzt, den Tentakeln. Diese sondern einen glänzenden und duftenden Tropfen ab, der wie Tau verführerisch in der Sonne glitzert. Insekten erhoffen sich hier ein leckeres Mahl, geraten jedoch in die klebrige Falle einer fleischfressenden Pflanze. Denn der zähflüssige Tropfen liefert keineswegs eine nahrhafte Zuckerlösung, sondern enthält Eiweiß spaltende Enzyme sowie Ameisensäure. Bleiben Tiere an diesem Fangschleim haften, krümmen sich die Tentakel und Blätter nach und nach ein und umschließen die Beute. Die Enzyme lösen die Beute auf und die Köpfchen der Tentakel nehmen Stickstoff und Mineralien auf. Nur der Chitinpanzer bleibt übrig. Nach mehreren Tagen ist der Verdauungsprozess beendet und die Blätter werden wieder flach. Mit dieser Strategie haben sich die Sonnentau-Arten an ihren nährsalzarmen Moorstandorten eine neue Stickstoffquelle erschlossen. Und dies sehr erfolgreich, denn Pflanzen, die Insekten gefangen haben, bringen erwiesenermaßen mehr Samen hervor. 

Doch jede noch so raffinierte Strategie ruft wiederum Anpassungen und Gegenstrategien hervor. So nutzen die Arbeiterinnen der Schwarzen Moorameise die Phase, in der die eingerollten Sonnentaublätter keine Gefahr mehr für sie darstellen. Sie zerren die gefangene Beute aus den Blättern heraus und tragen sie als Nahrung für ihren Nachwuchs ins Nest. Die Sonnentau-Federmotte ist in der Lage, ihre Eier am Stängel der Sonnentau-Blätter abzulegen, ohne dass sie selbst kleben bleibt. Die sich daraus entwickelnden Raupen fressen eingerollte Blätter des Sonnentaus von der Rückseite her auf, und zwar mitsamt der eingewickelten Beute. Salat mit Fleischbeilage, sozusagen. 
Auch wir Menschen nutzen den Sonnentau. Er wird arzneilich als Bestandteil von Hustenmitteln verwendet, der Saft wird z.B. gegen Warzen und Asthma eingesetzt. Als Fliegenfänger auf der Fensterbank ist der Sonnentau hingegen nicht geeignet. Als Spezialist im Hochmoor ist er an die dortigen Bedingungen perfekt angepasst und kann andernorts kaum überleben. Im Wurzacher Ried kann man ihn in den Hoch- und Übergangsmooren auch vom Weg aus entdecken. Da der Schnittchenfänger aber meist nur wenige Zentimeter hoch wird, gilt hierbei: Schau genau nach Sonnentau! 
 

 

 

BekassineQuelle: Pixabay

Himmelsziege mit Liebesbotschaft

Wenn an lauen Frühlingsabenden die Nebel über der offenen Niedermoorlandschaft emporsteigen, dann schwingen sich auch die Männchen der Bekassine, eine Vogelart aus der Familie der Schnepfenvögel, in die Lüfte und bringen ihre Balzstimmung zum Ausdruck.

Neben dem Gesang, der mit „Tick-a, tick-a, tick-a“ wie das hölzerne Ticken einer Uhr klingt und meist von einer Singwarte aus vorgetragen wird, beherrscht die Bekassine noch eine ganz andere Tontechnik, die von einem rasanten Flugmanöver begleitet wird: Im Zickzack-Flug steigt sie hoch in den Himmel auf und kippt dann zur Seite ab. Während sie im Steilflug nach unten stürzt, fächert sie die beiden äußeren Schwanzfedern auf und winkelt die Flügel an. Die Luftströmung wird dadurch zu den Schwanzfedern geleitet und versetzt die Federfahnen in Schwingungen, so dass sie durch Vibration einen wummernden Ton erzeugen, der wie das Meckern einer Ziege klingt. Himmelsziege wird der Vogel im Volksmund daher auch genannt.
Pater Agnellus Schneider, auch bekannt als der Vogelpater Oberschwabens, schrieb seinerzeit, die Bekassine sei ein Ausdruck der Fröhlichkeit des lieben Gottes, der einen Vogel erschaffen hat, der durch seinen Anblick erheitern soll. Eine Anspielung darauf, dass der etwa amselgroße Vogel ziemlich unproportioniert wirkt. Der Schwanz ist sehr kurz, der Schnabel dafür umso länger. Am Boden bewegt sich der Schnepfenvogel wenig grazil, eher mit wackelndem Gang. In früheren Zeiten zog man daraus Parallelen zu den wiegenden Hüftbewegungen gewerblicher Liebesdienerinnen, die daraufhin als Schnepfen bezeichnet wurden.
In ihrer Lebensweise setzt die Bekassine auf Heimlichkeit. Das Prinzip des Nichtgesehenwerdens ist eine ihrer Strategien. Kommt dem Vogel etwas verdächtig vor, so drückt er sich ins Gras. Er verlässt sich auf seine braungemusterte Tarnfarbe und fliegt erst im letzten Moment auf, wiederum mit verwirrenden Zickzack-Flügen und heiseren „Ätsch, ätsch“- Rufen, die klingen, als würde man einen Gummistiefel aus dem Moor ziehen. Auch das Nest, das verborgen in einer Bodenmulde angelegt wird, sowie die meist vier braungesprenkelten Eier sind kaum auszumachen. Eine weitere Erfolgsstrategie der Bekassine ist die Rundum-Sicht. Die knopfrunden, hervorstehenden Augen sind hoch am Hinterkopf angebracht und ermöglichen dem Vogel beinahe einen Sichtradius von 360 Grad. So hat sie in der Offenlandschaft alles im Blick, bis auf den Bereich unmittelbar vor der Schnabelspitze. Halb so wild, denn die Nahrung wird nicht visuell, sondern durch Stochern mit dem langen Schnabel im Boden aufgespürt. Die Schnabelspitze ist hierzu mit zahlreichen, hochempfindlichen Tastkörpern besetzt. 
Die Heimlichkeit der Schnepfen bot schon immer reichlich Stoff für Aberglaube. So kündigte eine meckernde Schnepfe einem pflügenden Bauern angeblich den baldigen Bruch seiner Pflugschar an. Aufgehängte Schnepfenköpfe hingegen schützen Kinder gegen bösen Zauber. In früheren Zeiten wurde die Bekassine stark bejagt. Heute leidet sie unter massivem Lebensraumverlust und ist in Deutschland vom Aussterben bedroht. Durch die großflächigen Entwässerungen von Mooren und anderen Feuchtgebieten sind die charakteristischen Laute nur noch an wenigen Orten zu vernehmen. In den Niedermoorbereichen des Wurzacher Rieds hat man jedoch noch das große Glück, die meckernden Liebesbotschaften der männlichen Bekassinen am Abendhimmel zu hören. Bei uns Menschen haben Männer mit Meckereien eher weniger Chancen bei Frauen. Bei der Bekassine jedoch gilt: Was sich liebt, das meckert sich an.

 

 

MoorfroschQuelle: Max Kesberger

Küssen verboten

Frühjahreszeit ist Amphibien-Wanderzeit. Arten wie die Erdkröte oder der Grasfrosch machen sich von ihren Winterquartieren an Land auf den Weg in die Fortpflanzungsgebiete im Wasser. Auch der Moorfrosch hat bereits seine Laichgewässer bezogen, die sich jedoch meist nicht mehr als einen Kilometer entfernt von den Überwinterungsgebieten an Land befinden. 

Im Gewässer angekommen sind die männlichen Moorfrösche bereits in Hochzeitsstimmung und versuchen die Weibchen auf ganz besondere Weise zu beeindrucken: Sie färben sich intensiv blau. Ergänzt wird das farbliche Werben durch Rufe, die wie ein entfernt bellendes kleines Hündchen oder das Blubbern von Luft aus einer leeren, untergetauchten Flasche klingen. Das Farbenspiel dauert nur wenige Tage, dann nehmen die Männchen wieder ihre hell- bis dunkelbraune Farbe an. Auf dem Rücken tragen Moorfrösche häufig ein helles Längsband. Der Körper ist schlank, die Schnauze kurz und spitz. An den Kopfseiten befindet sich jeweils ein brauner Schläfenfleck, der an eine Räubermaske erinnert, und der auch beim sehr ähnlichen Grasfrosch vorhanden ist. Moorfrösche erreichen jedoch nur eine Körperlänge von etwa sechs Zentimetern und zählen damit zu den kleinsten heimischen Fröschen. 
Waren die Männchen mit ihrem Werben erfolgreich, so legt das Weibchen einen Laichballen mit etwa 500 Eiern in die Flachwasserzone der Fortpflanzungsgewässer. Jetzt beginnt die gefährliche Phase: Ist es im Frühjahr zu trocken, so können die Laichgewässer samt Laich austrocknen. Kommt Spätfrost, sterben die Eier ebenfalls ab. Für Fische, Enten und andere Tiere sind der Laich und die sich daraus entwickelnden Kaulquappen eine Delikatesse. So wird nur ein Bruchteil der Eier zu einem ausgewachsenen Moorfrosch. Diese wiederum leiden schon lange unter massivem Lebensraumverlust, denn in Deutschland wurden in der Vergangenheit 98 Prozent der Moore trockengelegt. In Süddeutschland ist der Moorfrosch akut vom Aussterben bedroht. In Baden-Württemberg kommt die Art nur noch in zwei Landkreisen vor, wie in den Moorgebieten Oberschwabens und des Westallgäus im Landkreis Ravensburg. Diese Restpopulationen umfassen jeweils nur wenige Individuen. 

Durch den Mangel an Konkurrenz haben es die Moorfroschmännchen in diesen Gebieten aktuell nicht nötig, das charakteristische blaues Hochzeitskleid anzulegen. Sie bleiben ganzjährig in ihrer braunen Tarnfarbe. Doch es gibt Hoffnung: Derzeit läuft ein aufwändiges Projekt zum Schutz und zur Stärkung der letzten Moorfroschvorkommen im Landkreis durch den Landschaftserhaltungsverband Ravensburg. Erste Ergebnisse stimmen vorsichtig optimistisch. Zur Unterstützung dieser kleinen Erfolge bitten wir alle weiblichen Naturfreunde, die das seltene Glück haben sollten, einen Moorfrosch zu erblicken, diesen nicht zu küssen. Jedes Individuum, das nicht zum Prinzen wird, sondern ein Frosch bleibt, zählt für das Überleben der Art und trägt hoffentlich dazu bei, dass es auch im Wurzacher Ried in Zukunft wieder blaue und blubbernde Moorfrösche gibt.

Bis es soweit ist, können Sie noch bis zum 8. Mai die Moorfrosch-Ausstellung im Naturschutzzentrum Wurzacher Ried besuchen und lernen diesen besonderen Moorbewohner schon mal auf diese Weise kennen. 
 

 

Gerandete JagdspinneQuelle: NAZ

Schwimmerin mit acht Beinen

Spinnen gehören nicht gerade zu den Sympathieträgern der heimischen Tierwelt. Doch viele Arten haben faszinierende Lebensweisen entwickelt, so dass es sich durchaus lohnt, sie einmal genauer zu betrachten. Eine davon ist die Gerandete Jagdspinne. 

Namensgebend für diese Spinnenart aus der Familie der Jagdspinnen sind die auffälligen weißen oder gelblichen Längsstreifen, die sich seitlich über den gelbbraunen bis schwarzbraunen Vorder- und Hinterkörper ziehen. Sie ist eine der größten heimischen Spinnenarten: Die Männchen können bis zu 15 Millimeter groß werden, Weibchen sogar bis zu 25 Millimeter. Die Gerandete Jagdspinne lebt vorzugsweise an den Ufern stehender oder langsam fließender Gewässer in Mooren und Sümpfen, auf Feuchtwiesen oder in Au- und Bruchwäldern. Sie ist perfekt an diesen, für Spinnen eher ungewöhnlichen, Lebensraum angepasst. Mit ihrer dichten Körperbehaarung nutzt sie die Oberflächenspannung und kann sich geschickt auf dem Wasser bewegen. Dabei rudert sie mit dem zweiten und dritten Beinpaar und bewegt sich wie ein Wasserläufer. Bei Störungen oder zum Beutefang kann sie sogar abtauchen. Um den Körper bildet sich eine Luftblase, die nach dem Auftauchen platzt und eine trockene Spinne aus dem Wasser entlässt.
Nahrungstiere werden frei jagend ohne Fangnetz überwältigt.  Zum Beutefang sitzt die Spinne im dichten Gewirr der Verlandungszone und hält die Vorderbeine ins Wasser. Bei Vibrationen ergreift sie blitzschnell die Beute und beißt zu. Dabei stehen neben Insekten und Kaulquappen auch kleine Frösche und sogar Fische auf dem Speiseplan. Durch den Giftbiss werden die Tiere in wenigen Sekunden getötet, an Land gezogen und dort verzehrt. Hierzu wird die Beute durch Verdauungssäfte zunächst verflüssigt und dann aufgesogen. 

Bei vielen Spinnenarten leben die Männchen zur Paarungszeit besonders gefährlich, denn schnell werden auch sie selbst zur Beute der Weibchen. Oft wird die Auserwählte daher mit einem nahrhaften Brautgeschenkt beschwichtigt. Das Männchen der Gerandeten Jagdspinne jedoch wartet darauf, dass sich das Weibchen selbst etwas fängt und nähert sich, während es frisst. Das Weibchen umgibt seine Eier mit einem kugeligen Kokon, den es mit den Kieferklauen transportiert. Kurz vor dem Schlüpfen wird der Kokon in einem glockenförmigen Gespinst in der Ufervegetation befestigt und dort bis zum Verlassen der Jungspinnen bewacht. 
Durch die Zerstörung von Feuchtgebieten ist die Gerandete Jagdspinne vielerorts selten geworden und gilt als besonders geschützte Art. Im Wurzacher Ried kann sie von März bis Oktober in den Hoch- und Niedermoorbereichen noch regelmäßig beobachtet werden. Nutzen Sie jetzt die Zeit, in der die Ufervegetation nur spärlich ausgeprägt ist und halten Sie auf Wasserflächen Ausschau nach der faszinierenden Fischfängerin. 
 

 

TorrfmoosQuelle: NAZ

Ohne Moos nix los

…im Moor. Das Wurzacher Ried ist das größte intakte Hochmoor Mitteleuropas. Die Konstrukteure der meterhohen Torfschichten im Hochmoor sind insbesondere die Torfmoose. Sie besitzen erstaunliche Eigenschaften, durch die sie einerseits die Entstehung eines Hochmoores bewirken und gleichzeitig in diesem extremen Lebensraum existieren können. 

Wasser ist ein entscheidender Faktor für die Entstehung von Mooren. Unter bestimmten Bedingungen können Hochmoore entstehen, die ausschließlich durch Regenwasser gespeist werden. Vor ca. 5.000 Jahren war unser Klima feuchtwarm, so dass es nahezu das ganze Jahr über regnete. In diesem Regenwasser-Überschuss konnten sich Torfmoose ansiedeln. Die wenigen im Regenwasser vorhandenen Nährsalze ergattern sie sich mit einem Trick: Sie gehen ein Tauschgeschäft ein, bei dem sie dem Wasser Calcium- und Magnesiumionen entziehen und dafür Hydroxidionen abgeben. Diese bewirken eine Senkung des pH-Wertes, säuern das Wasser also an. Da nur wenige andere Pflanzen diese sauren Bedingungen tolerieren, halten die Torfmoose dadurch ihre Konkurrenten gering. Ein doppelter Gewinn: So können sie immer weiter in die Höhe wachsen. Die unteren Pflanzenteile sterben ab, werden aber aufgrund des Sauerstoffmangels im Wasser nicht zersetzt, sondern bilden Torf. Meterhoch können die Torfmoospolster wachsen und so ein Hochmoor bilden, das keinen Kontakt mehr zum Grundwasser hat. Doch das braucht Zeit, denn der Zugewinn an Torf beträgt nur ein Millimeter pro Jahr. 

Die Polster sind wie Schwämme, da Torfmoose das 20fache ihres Gewichtes an Wasser speichern können. Sie besitzen in ihrem Inneren spezielle Wasserspeicherzellen und haben am Stängel kleine Blatt-Tüten, in denen ebenfalls Wasser gehalten wird. Hochmoore bilden dadurch einen sehr effektiven, natürlichen Hochwasserschutz, da das Wasser nur sehr langsam wieder an die Umgebung abgegeben wird.
In den nassen, sauren und nährsalzarmen Hochmooren können neben Torfmoosen nur wenige andere Tier- und Pflanzenarten existieren. Sie sind Lebensräume für Spezialisten und ein Refugium für Arten, die sonst nirgends vorkommen können. Und noch eine weitere wichtige Funktion erfüllen intakte Hochmoore: Da die absterbenden Pflanzenteile nicht zersetzt werden, werden große Mengen CO2 gespeichert und der Atmosphäre somit klimawirksames Gas entzogen. Moore bedecken weltweit nur knapp drei Prozent der Landfläche, speichern aber doppelt so viel Kohlendioxid wie alle Wälder weltweit, die immerhin ein Drittel der Landfläche bedecken. Alle Achtung, was diese unscheinbaren Pflanzen alles leisten und über tausende von Jahren mit dem Wurzacher Ried ein Juwel für Mensch und Natur geschaffen haben. Möchten Sie wissen, welche besonderen Arten noch im Hochmoor leben? Dann freuen Sie sich schon mal auf die nächsten Moor-Momente.
 

 

KiebitzQuelle: NAZ

Kunstflieger über dem Ried

Die ersten Sonnenstrahlen der vergangenen Tage lassen die Natur langsam erwachen. Auch in der Vogelwelt ist das Winterende bereits erkennbar: Als traditioneller Frühlingsbote ist der Kiebitz aus seinen Winterquartieren zurückgekehrt.

Auf Wiesen und Feldern kann man die taubengroßen, braun-weißen Vögel mit der auffälligen Federhaube nun vielerorts entdecken. Wenn sie auffliegen, sind sie durch ihre runden Flügel und den schmetterlingsartigen Flug nahezu unverkennbar. Auch wenn sie jetzt noch nicht ihre spektakulären Balzflüge zeigen, die von ihren charakteristischen Rufen begleitet werden: „Kiwit, kiwit“ schallt es dann weithin hörbar und es wird schnell klar, wovon sich der Name des Vogels ableitet. Übersetzt als „Komm mit, komm mit“ interpretierte man die Rufe früher in manchen Gegenden als Lockrufe in die Unterwelt und stigmatisierte den Vogel so zum Unheilbringer, während er andernorts als Glücksbringer oder Liebesmagier galt. Letzteres ist nicht weiter verwunderlich, wenn man die extravaganten Flugdarbietungen der werbenden Kiebitz-Männchen betrachtet. Mit kräftigen Flügelschlägen fliegen sie los, starten dann senkrecht nach oben durch, um sich anschließend mit Überschlägen und Drehungen um die eigene Achse taumelnd nach unten zu stürzen, bis sie schließlich fast auf dem Boden aufprallen und erst im letzten Moment wieder in die Höhe ziehen. Alles begleitet von den durchdringenden, namensgebenden Rufen. Die anspruchsvollen Kiebitz-Weibchen aber geben sich keineswegs mit dieser spektakulären Flugshow zufrieden, sondern fordern auch noch einen wippenden Bodentanz ein, bevor sie mit der Familiengründung einverstanden sind. Das Gelege der Kiebitze ist im Gegensatz zur auffälligen Balz meisterhaft unauffällig. Die vier Eier werden auf den nackten oder nur mit wenigen Halmen angerichteten Boden gelegt, wo sie durch ihre Farbgebung mit dem Untergrund optisch verschmelzen. Sollten sich Fressfeinde nähern, locken die Eltern diese mit vorgetäuschter Flugunfähigkeit humpelnd und mit hängenden Flügeln vom Nest weg. „Verleiten“ nennt man diese raffinierte Täuschungsaktion. 

Längst aber sind die Rufe der einstigen Charaktervögel aus Mooren und Wiesen vielerorts verstummt. Früher setzte ihnen eine direkte Verfolgung zu, denn gefüllter Kiebitz mit Klößen galt als Delikatesse. Heute ist es die intensive Landnutzung, die durch Entwässerung von Feuchtgebieten die ursprünglichen Lebensräume der Kiebitze nahezu vollständig zerstört hat. In Süddeutschland brütet die Art nur noch in kleinen Restvorkommen, meist auf Äckern, die als Ersatzlebensraum dienen. Diese kleinen Bestände haben jedoch durch frühe Bodenbearbeitung und Fressfeinde meist keine Chance. Anders kann es auf beweideten Flächen aussehen. Der Strukturreichtum durch Tritte und Suhlen von Rindern sowie der Insektenreichtum in den Kothaufen bieten ein großes Potenzial für den Kiebitz. Wenn also in den nächsten Wochen die Wasserbüffel in ihr Sommerquartier am nördlichen Rand des Wurzacher Rieds zurückkehren und dort die Landschaft pflegen und gestalten, lohnt es sich, nach den spektakulären Flugdarbietungen der Kiebitze Ausschau zu halten. 
 

 

Das Naturschutzzentrum präsentiert unter der Rubrik „Moor-Momente“ regelmäßig Spannendes und Unterhaltsames aus der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt des Wurzacher Rieds. Dabei werden Arten vorgestellt, die die Besucher aktuell im Ried antreffen können.  
 

 

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